Alte Musik

Samstag 7. Mai 2022
(ursprünglich 24.05.2020)

19.00 Uhr
Rathausprunksaal

 

Konzertpatenschaft: Landshuter Zeitung

Alice Lackner (Mezzosopran),

N.N. (Countertenor),

lautten compagney BERLIN

Wolfgang Katschner (Leitung)

(10) GENDER STORIES

40,00 €
Förderkreis: 32,00 €

Foto

Foto: Peter Adamik

Gender Stories

Gender Stories. Für ein barockes Programm ein eher unpassender Name – Gender-Diskurs in der Barockzeit? Aus heutiger, für die Wahrnehmung von Geschlechterrollen, -Konventionen und -Erwartungen sensibilisierter Sicht aber bietet sich uns ein interessantes Bild für die Zeit zwischen 1700 und 1750. Norbert Elias beschreibt in „Die höfische Gesellschaft“ eindrucksvoll die funktionale Trennung eines üblichen Pariser Adelssitzes in zwei gleichberechtigte, voneinander unabhängige Trakte: einer für den Herrn, der andere für die Dame, in denen beide getrennt voneinander ihrem gesellschaftlichen Leben nachgehen konnten. Nur im verbindenden Mittelteil eines hôtel fand das gemeinsame Leben, fanden Empfänge, Soiréen und Konzerte statt. Von einer Unterordnung der Frau unter den Mann ist man hier recht weit entfernt, zumindest solange man die rechtliche Stellung der Frau außer Acht lässt.

In der Barockoper spiegelt sich das gleich in mehrfacher Weise.

In weitverbreiteten Metastasio-Libretti wie „Siroe“ oder „Semiramide riconosciuta“ sind es starke Frauen, die in Männerkleidern ihre Interessen verfolgen und durchsetzen – erfolgreich in „Semiramide“, in „Siroe“ siegt die Vernunft über die in Männerkleidern verfolgte Tötungsabsicht. Auch Bradamante in Händels „Alcina“, eine Kriegerin, sucht ihren verlorengegangenen und alles heldischen abspenstig gewordenen Geliebten Ruggiero in Männerkleidern und bringt ihn so überhaupt erst wieder zu sich selbst zurück.

Ein spezielles Phänomen ist die Übernahme von Frauenpartien durch Männer, nicht zuletzt induziert durch das päpstliche Verbot von Frauen auf römischen Opernbühnen. Hier stellt sich zunächst die Frage nach der geschlechtlichen Identität des Ausführenden, wie sie Filippo Balatri in seiner gereimten Autobiografie „Fiori del mondo“ (1735) aufwirft: „Nenn ich mich Mann, sag ich ne Lüge / Frau würd ich mich weniger noch nennen“. Hält man sich dann vor Augen, dass Kastraten wie Giacinto Fontana (genannt Farfallino, kleiner Schmetterling) oder Giovanni Belardi für ihre perfekten Frauendarstellungen weithin berühmt waren, verschwimmen die uns heute geläufigen Trennlinien der Geschlechterdifferenzierung vollends. Beispiele dafür geben die Tamiri-Arie „Tu mi disprezzi“ aus Lampugnanis Semiramide-Fassung von 1741, die Giovanni Belardi sang, und das Duett zwischen Siroe und Emira aus Galuppis „Siroe“ von 1754, das Caffarelli als Siroe und Giovanni Belardi als Emira vorsah.

Die Hosenrolle ist uns heutigen Operngängerinnen und -gängern nach wie vor geläufig. Allerdings war sie schon weit vor Mozarts Figaro-Cherubino verbreitet: Sängerinnen wie Vittoria Tesi oder Lucia Lancetti wurden gerade für ihre Darstellung von männlichen Figuren auf der Bühne gefeiert, ganz ähnlich wie Vivica Genaux heute, die Lancettis Orlando aus Vivaldis „Orlando furioso“ in diesem Programm die Stimme leiht. Um die Verwirrung komplett zu machen, haben wir einige dieser Arien in unserem Programm Lawrence Zazzo gegeben: Maria Caterina Negris Bradamante in Händels „Alcina“ und Antonia Margherita Merighis Amastre in Händels „Serse“ werden von ihm gesungen. Die sehr vordergründige Frage, ob da jetzt eine Frau oder ein Mann singt, erübrigt sich und lenkt die Konzentration auf das Eigentliche, das Musik leisten kann: menschliche Emotionen einfangen und kanalisieren, ganz im barocken Sinne das Publikum bewegen und ihm eine Projektionsfläche für das eigene Erleben und Fühlen bieten.

Gerd Amelung 

Bild oben: Der Kastrat Farinelli in einer Frauenrolle, Karrikatur von Pierleone Ghezzi, 1724, Collection Janos Scholz New York, Bild unten: Die Primadonna Vittoria Tesi, Federzeichnung von Maria Zanetti, Fondazione Cini, Venedig.

Alice Lackner

Alice Lackner ist als Opern-, Konzert- und Liedsängerin international tätig. Die gebürtige Münchnerin studierte von 2010 bis 2015 in der Klasse von Frau Prof. Kunz-Eisenlohr an der Hochschule für Musik und Theater Köln/Aachen und ergänzte ihre Ausbildung durch zahlreiche Meisterkurse und Privatunterrichte, u.a. bei Brigitte Fassbaender, Gerd Uecker, Robert Holl, Ulrich Eisenlohr und Sami Kustaloglu. Sie ist Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und Preisträgerin der Wettbewerbe „cantatebach!” in Greifswald (2017), der Kammeroper Schloss Rheinsberg (2019), sowie zweifache Preisträgerin des “Podium junger Gesangssolisten” (Essen 2015 und Erfurt 2021).

Eine enge Zusammenarbeit verbindet Alice Lackner mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dessen Chefdirigenten Vladimir Jurowski, beispielsweise 2019 beim Musikfest Berlin und beim George-Enescu-Festival Bukarest, 2020 im Konzerthaus Berlin sowie 2021 in der Berliner Philharmonie (übertragen von ARTE Concert). Für den Deutschlandfunk nahm sie in selbiger Besetzung die russische Originalversion sowie eine deutsche Bearbeitung (V. Jurowski) von Prokofjews „Das hässliche Entlein“ auf. Seit 2020 arbeitet Alice Lackner regelmäßig mit der lautten compagney unter Wolfgang Katschner in Berlin zusammen. Alice Lackner sang außerdem mit Orchestern wie dem Russischen Staatsorchester Kaliningrad, dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder), dem Sinfonieorchester Aachen, sowie mit Barockorchestern wie L‘Orfeo, La Banda, Concerto Theresia, Stiftsbarock Stuttgart und mit le buisson prospérant.

Im Opernfach wird Alice Lackner im Februar 2022 als „Ruggiero“ in Händels „Alcina“ mit der lautten compagney Berlin debütieren. Im Jahr 2021 war sie bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik als „Olga“ in Matthesons „Boris Goudenow“ zu hören, sowie als „Volpino“ in einer Produktion von Haydns „Lo Speziale“ mit der lautten compagney Berlin. Zuvor gastierte sie 2020 in Purcells „Dido and Aeneas“ zusammen mit der lautten compagney Berlin, sowie 2019 bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg als „Nancy“ in Flotows „Martha“. Auch schon während ihres Studiums übernahm sie solistische Partien am Theater Aachen u.a. in „Rusalka“ (Antonin Dvorak), „Les Brigands“ (Jacques Offenbach) und in „Jenufa“ (Leos Janacek).

Alice Lackner ist besonders rege im Konzert- und Oratorienfach tätig. Zu ihrem Kernrepertoire zählen Werke von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy. Aber auch seltener gespielte Werke wie die Totenmessen von Maurice Duruflé oder Franz von Suppè, das „Membra Jesu Nostri“ (Dietrich Buxtehude) oder „Der Sieg des Glaubens“ (Ferdinand Ries) gehören zum Repertoire der Mezzosopranistin.

Im Liedbereich arbeitet Alice Lackner intensiv mit der Pianistin Imke Lichtwark in Berlin zusammen; im Herbst 2021 erschien die Debut-CD des Liedduos beim Label GENUIN mit Liedern von Zemlinsky, Schönberg und Daigger. Die Künstlerinnen setzen in ihrer Arbeit neben dem deutschen, romantischen Repertoire einen Schwerpunkt auf die Aufführung zeitgenössischer Lieder sowie fremdsprachigen Repertoires, hierbei insbesondere aus dem slawischen und aus dem französischsprachigen Raum.

Alice Lackner gastiert neben ihrer solistischen Tätigkeit in diversen professionellen Vokalensembles wie dem Solistenensemble Stimmkunst Stuttgart, dem RIAS Kammerchor, dem Chor des Bayerischen Rundfunks, dem SWR Vokalensemble, dem Berliner Rundfunkchor und dem NDR Chor. Zudem gründete sie im Jahr 2019 zusammen mit Katharina Heiligtag und Anna-Luise Oppelt das Trio meZZZovoce, welches sich einem breiten Repertoire von A-capella-Musik der Renaissance bis hin zur minimal music widmet. 

Alice Lackner ist außerdem studierte Soziologin (M.A.) und als solche am ZOiS (Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien wissenschaftlich tätig. Im Jahr 2019 realisierte sie gemeinsam mit dem Londoner Fotokünstler Mark Neville ein Projekt über die Ukraine, in welchem die politische Situation der Ukraine künstlerisch erarbeitet wurde.

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Foto: Thomas Lackner.

lautten compagney BERLIN – OPUS Klassik Preisträger “Ensemble/Orchester” 2019

 Die lautten compagney BERLIN ist eines der renommiertesten und kreativsten deutschen Barockensembles. Seit mehr als drei Jahrzehnten faszinieren die Konzerte unter der künstlerischen Leitung von Wolfgang Katschner ihre Zuhörer. Ganz gleich, ob als Kammerensemble oder als Opernorchester, mit ansteckender Spielfreude und innovativen Konzepten überwindet das Ensemble dabei immer wieder Grenzen und sucht die Begegnung mit neuen Klängen und anderen Künsten.

Die lautten compagney BERLIN ist Preisträger des OPUS Klassik 2019 und wurde mit der Aufnahme „War & Peace 1618:1918“ mit Dorothee Mields in der Kategorie „Ensemble/Orchester“ ausgezeichnet. Die CD Timeless, die Musik des Frühbarock mit Werken von Philip Glass vereint, erhielt 2010 den ECHO Klassik. Auch die Verleihung des Rheingau Musik Preises 2012 würdigte die innovativen Konzertprogramme der lautten compagney. 2018 kamen zwei weitere Brückenschläge hinzu: Misterio mit Musik von Astor Piazzolla und H. I. F. Biber sowie War & Peace, das Musik aus der Zeit des 30jährigen Krieges mit Chansons von Hanns Eisler und Friedrich Hollaender kombiniert.

Eine große Leidenschaft des Ensembles gilt dem Musiktheater. Seit 2004 jedes Jahr als Opernensemble zu Gast bei den Händelfestspielen Halle, präsentierten sie 2011 Händels Rinaldo in einer Realisierung der Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli, die 2015 bei Arthaus Musik als DVD erschien. 2017 wurde mit Händels Giustino die zweite Zusammenarbeit in Bad Lauchstädt gezeigt. Als einziges großes deutsches Barockensemble widmet sich die lautten compagney der historischen Bühnenkunst. Auf Händels Parnasso in Festa in der Regie von Sigrid T’Hooft 2018 folgen 2019 Haydns Lo Speziale in der Regie von Nils Niemann, und bei den Händelfestspielen Halle wird Niels Badenhop Händels Alcina realisieren.

2019 feiert die lautten compagney ihr 35jähriges Bestehen. Sie blickt auf eine ausgesprochen reiche und intensive Zeit zurück, in der sie wiederholt ihre Wandlungsfähigkeit auf höchstem künstlerischen Niveau unter Beweis gestellt hat: vom Lautenduo, gegründet in der DDR in einer Zeit, zu der Historisch Informierte Aufführungspraxis ein heiß diskutiertes Feld meist als „Müsligeiger“ belächelter Spezialisten war, hat sich das Ensemble nach der Wende zu einer gefragten Kammermusik- und Opernformation entwickelt – nicht zuletzt Wolfgang Katschners Händel-Preis von 2004 dokumentiert dies. Seit über zehn Jahren zählt die lautten compagney nun zur europäischen Spitze der Barockensembles; die neueste Selbsterfindung des Ensembles schlägt sich in den bahnbrechenden Repertoire-Kombinationen und intelligenten Wort-Musik-Programmen nieder. So gesehen stellt die lautten compagney auch die Avantgarde des klassischen Musikbetriebs dar: abseits oft bemüht wirkender Programme mit zeitgenössischer Musik lädt sie ihr Publikum regelmäßig dazu ein, die „Klassische Musik“ neu zu erfahren und Wahrnehmungsschranken zu überwinden.

Foto: Markus Lieberenz

Wolfgang Katschner

Von Haus aus Lautenist, gründete Wolfgang Katschner 1984 zusammen mit Hans-Werner Apel die lautten compagney BERLIN, Herzstück seines vielfältigen Wirkens als Musiker, Organisator und Forscher in den Klangwelten der „Alten Musik“.

Die lautten compagney zählt seit Jahren zu den führenden deutschen Barockensembles; ihr Markenzeichen ist neben ihrem spezifischen Klang die große Bandbreite an Programmen. Neben sehr unterschiedlichen Besetzungen vom Kammermusikensemble mit 4 SpielerInnen bis zum Mozart-Orchester zeichnet das Ensemble vor allem die von Wolfgang Katschner konzipierte kreative Auseinandersetzung und Einbindung des historischen Repertoires aus. So treffen in Konzertprogrammen Texte von Cervantes auf spanische Musik des 17. Jahrhunderts, Luthers Briefe auf Musik der Spätrenaissance oder die Tagebucheinträge des englischen Seelords Samuel Pepys auf Werke von Purcell und seinen Zeitgenossen.

Auf CDs präsentiert sich Wolfgang Katschner mit seinem Ensemble als Grenzgänger; neben Weltersteinspielungen von Opern wie “Didone abbandonata” (dhm/Sony 2018) stehen ungewöhnliche Kombinationen von Komponisten: Philipp Glass und Tarquinio Merula (“Timeless”, dhm/Sony 2010), Heinrich Schütz und Friedrich Hollaender (“War & Peace”, dhm/Sony 2018) und Heinrich Ignaz Franz Biber und Astor Piazzolla (“Misterio”, dhm/Sony 2018). Der Erfolg dieser Aufnahmen und Konzertprogramme bei Presse und Publikum gibt den Konzepten recht – jedes dieser Programme steht für die Überzeugung, dass „Alte“ Musik genauso modern ist wie die später geschriebene Musik und sich, tritt man einmal aus der selbstgewählten Isolation als Musiker „Alter“ Musik, für Musiker wie Publikum äußerst gewinnbringend mit modernerem Repertoire verbinden lässt.

Seit einigen Jahren tritt Wolfgang Katschner auch erfolgreich als Gastdirigent an deutschen Opernhäusern hervor. So war er 2012–2016 musikalischer Leiter des „Winter in Schwetzingen“; nach Gastspielen in Bonn (Händels “Rinaldo” und “Giulio Cesare”) und Oldenburg (Hasses “Siroe”) verantwortet er 2018 zwei Opernproduktionen am Staatstheater Nürnberg: Monteverdis “Ulisse” am Ende der Spielzeit 2017/18 und Händels “Serse” im November 2018.

Verstärkt engagiert sich Wolfgang Katschner zudem in der Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses. Er war Gastprofessor an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, beim SingFest in Hongkong, Artist in Residence bei „BarockVokal“ in Mainz und arbeitet 2018 und 2019 mit Sängern an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar.

Foto: Ida Zenna

Service

Konzertkarten
Online-Buchung ab 24.01.2022.

Konzertprogramme
sind ab Januar 2022 erhältlich und können online als pdf heruntergeladen werden (siehe Kopfzeile beim jeweiligen Konzert) und sind an der Festival- und Abendkasse gegen eine Gebühr erhältlich.

Information, Kartenverkauf, Hotelreservierung
Festivalbüro:
Verkehrsverein Landshut e.V.
Altstadt 315 (Rathaus)
84028 Landshut
Tel. 0871-92205-0 - Fax 0871-89275
e-mail: tourismus@landshut.de
web: www.landshut-tourismus.bayern