Landshuter Hofmusiktage 2006: Dokumentation
Konzert 7

Jörg Waschinski (Sopranist), Berlin
Salzburger Hofmusik
Wolfgang Brunner
(Leitung)

FARINELLIS FEUERWERK
Arien und Lieder von Farinelli, Farinelli gewidmete Arien, Werke von Antonio Soler, Telemann: Don Quixote-Suite, Vivaldi: La Folia, u.a.

Sonntag, 16. Juli 2006, 20.00 Uhr
Heilig Kreuz Saal, Carossa Gymnasium

Konzertpatenschaft:
MICHAEL IMHOFF

Jörg Waschinski
Jörg Waschinski erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine überragende Kunst als Sopranist und Operndarsteller: 1996 den Sonderpreis beim Bundeswettbewerb Gesang, Nachwuchssänger der Spielzeit 1999/2000 (Zeitschrift Opernwelt), bester Sänger der Spielzeit 2000/2001 (Opernwelt), 2002 Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Jörg Waschinski verkörperte Kastratenrollen in Opern von Händel, Monteverdi und Mozart. Seine 2006 neu erscheinende Solo-CD entdeckt für männlichen Sopran komponierte Werke des französischen Komponisten und Glasharmonikavirtuosen Thomas Bloch.

Salzburger Hofmusik
Die 1991 von Wolfgang Brunner gegründete Salzburger Hofmusik erforscht und interpretiert vor allem Werke der Hofkapelle unter den Salzburger Fürsterzbischöfen. Dazu gehört die wissenschaftliche Aufarbeitung, die Erschließung neuer oder bisher zu Unrecht vergessener Quellen. Das Ensemble spielt auf historischen Instrumenten. Unter anderem wurde es zu den Festivals in Brügge, Utrecht und Herne eingeladen und konzertiert seit 1998 regelmäßig bei der Salzburger Mozartwoche. Es veröffentlichte zahlreichen CD-Produktionen, darunter viele Erstaufnahmen von Salzburger Komponisten wie Biber, Mozart oder Michael Haydn.

FARINELLIS FEUERWERK
Der Kastrat Farinelli war auch als Komponist tätig. So gibt es in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien eine Sammlung von Arien und Liedern, die Kaiserin Maria Theresia gewidmet sind. Diese Arien werden hier erstmals wieder aufgeführt. Daneben erklingen Kompositionen von und über Spanien: Solers „Fandango“, Vivaldis „La Folia“ und Telemanns „Don-Quixote-Suite“.

Kritik im Feuilleton der Landshuter Zeitung vom 18.7. 2006

Die Kunst der Gestaltung

Jörg Waschinski und die Salzburger Hofmusik mit Arien des italienischen Kastraten Farinelli

Farinelli (eigentlich Carlo Broschi) war als Sänger ein Megastar des 18. Jahrhunderts. Zeitgenossen haben die Kunst des italienischen Kastraten in hymnischen Wendungen beschrieben. Dass er sich für den Eigengebrauch auch Arien komponiert hat, war bekannt. Neuerdings jedoch hat Wolfgang Brunner, Leiter der Salzburger Hofmusik, ein Konvolut von Autographen Farinellis aufgetan, das bisher nicht ausgewertet war. Die Umstände scheinen dafür zu sprechen, dass das, was dort notiert ist, nach Farinellis Tod niemand mehr gesungen hat. Wenn die Landshuter Hofmusiktage aus diesem Bestand jetzt eine umfangreiche Auswahl im Heilig Kreuz Saal präsentieren, bieten sie damit beinahe so etwas wie eine erneuernde Uraufführung. Weil das so ist, hätte man gerne einiges erfahren. Beispielsweise zu der Frage, ob die hochvirtuose Instrumentierung der Begleitstimmen von Farinelli selber stammt oder von einem Bearbeiter unserer Tage. Das Programmheft schweigt sich nicht nur dazu aus und teilt lediglich bei zwei der Arien das Entstehungsjahr 1735 mit. Man darf also annehmen, dass sie alle bereits komponiert waren, als Farinelli nach Spanien kam.

In der Rolle des Farinelli trat bei dem Landshuter Konzert der Sopranist Jörg Waschinski auf. Seine Gesangstechnik ist perfekt entwickelt, so dass er die von Farinelli beinahe am laufenden Band geforderten halsbrecherischen Kunststücken mit gelassener Souveränität meistern kann. Seine Sopranstimme besticht durch eine Fülle, die ihren besonderen Reiz gerade dadurch erhält, dass sie letztlich doch unverkennbar männlich timbriert bleibt. Und seine Kunst der Gestaltung ist so ausgereift, dass er aus den immer wiederkehrenden, wie aus dem Baukasten entnommenen Affekten, über die Farinelli so routiniert verfügt, doch immer neu ein kleines sängerisches Ereignis machen kann. Nimmt man dazu die wach gespannte, temperamentvolle Begleitung durch die Salzburger Hofmusik, dann darf man sicher von einer werkadäquaten Interpretation auf hohem Niveau sprechen. Das Publikum ließ sich davon gerne zu stümischer Begeisterung animieren.

Aber Fragen bleiben. Waren diese Arien, die ja unverkennbar für den großen Auftritt im festlich strahlenden Opernhaus geschaffen sind in der eher kammermusikalischen Intimität des Heilig Kreuz Saales am rechten Ort? Und sind sie in ihrer musikalischen Substanz mehr als geschickt montierte Konstrukte aus dem Formelschatz der europäischen Oper im 18. Jahrhundert? Hat man am Ende, dieses Konzert unter das Motto "Farinellis Feuerwerk" stellend, ungewollt etwas richtiges getroffen? Was bleibt schließlich vom Feuerwerk, wenn die Raketen verglüht sind?

Gerahmt war Farinellis/Waschinskis Sängerglanz von Instrumentalem. Die mit Saiteninstrumenten und Cembalo besetzte Salzburger Hofmusik erwies sich dabei als kompetent sowohl in der Klangwelt wie in der Artikulationskunst der Alten Musik. Die Don QuixotteSuite des guten alten Telemann wie auch Vivaldis für TrioSonate gesetzte Variationen über "La Follia" konnten da in neuer Frische aufleben. Und dann spielte der musikalische Leiter des Abends, Wolfgang Brunner, auf dem Cembalo noch ein Stück spanischer Musik, nämlich einen Fandango des Antonio Soler. Mit glitzerndem Passagenspiel gewann er diesem Reißer alle seine Reize ab, vermochte aber nichts daran zu ändern, dass der anfangs durchaus originelle Witz sich nach dem ersten Drittel erschöpft und alles dann nur noch weiterläuft wie der Hamster im Rad.

Dabei sollte man Überlänge ja tunlichst vermeiden. Zweieinhalb Stunden und noch etwas mehr sind zu viel für ein Konzert. Schon gar, wenn es in einem hochsommerlich aufgeheizten Raum stattfindet.

Hermann Metzger