Landshuter Hofmusiktage - 2006: Dokumentation
Konzert 5

Mudéjar, Mojacár
Juan Polvillo, Sevilla
BMW Gastronomie, Dingolfing

ANDALUSISCHE NACHT
Tänze und Lieder aus dem alten Andalusien,
Flamenco und spanische Gaumenfreuden

Samstag, 15. Juli 2006, 19.30 – bis ca. 24.00 Uhr
Innenhof der Residenz
bei schlechtem Wetter: Rathausprunksaal

Konzertpatenschaft:
LANDSHUTER ZEITUNG

Mudéjar
Mudéjares wurden die Mauren genannt, die zwar Vasallen der Christen waren, aber ihren islamischen Glauben und ihre Kultur beibehielten. Das Ensemble Mudéjar erforscht die christlichen, islamischen und jüdischen Wurzeln der spanischen Kultur, rekonstruiert die alten Instrumente, spielt und singt mit großem Erfolg die komponierte spanische Musik des 13. – 16 Jahrhunderts und die mündlich überlieferten Tänze, Balladen und Romanzen. Gegründet wurde es von der Psalterium-Virtuosin Begoña Olavide, die sowohl in Marokko als auch in Europa Musik studiert hat. Mudéjar zählt zu den bekanntesten Mittelalter-Ensembles Spaniens.

Juan Polvillo
und sein Flamenco-Ensemble
Juan Polvillo und sein Ensemble absolvierten jahrelange Studien bei bekannten Meistern des Flamenco wie Farruco, Manolo Marín, Manolete, La Toná y Mathilde Cora. Der Flamencotänzer erhielt zahlreiche Preise und nahm an wichtigen Flamenco-Festivals teil, trat in vielen Ländern der Welt und vor so bedeutenden Persönlichkeiten wie König Hussein von Jordanien, Präsident George Bush und dem König von Spanien auf. In Landshut bietet er klassischen Flamenco zusammen mit zwei Tänzerinnen, Sänger und Gitarristen.

BMW Gastronomie
Seit Jahren garantiert das Team der BMW Gastronomie exquisiten Gaumengenuss. Einerseits studieren die Köche die traditionellen Kochbücher Europas, andererseits setzen sie modernste Technik ein, um mit ihrer mobilen Küche an außergewöhnlichen Orten wie Schlössern, Weinkellern oder historischen Gärten ihre Gäste mit hoher Kochkunst in einem stimmungsvollen Ambiente zu verwöhnen – bei der ANDALUSISCHEN NACHT mit Spezialitäten aus Spaniens Süden. Zur Speisekarte.

Bericht in "Landshut heute", Landshuter Zeitung: 17.7.2006:

Ein Fest für alle Sinne
Beeindruckend vielfältig: Andalusische Nacht

Musik, Tanz, Essen, und das alles in dem beeindruckenden Ambiente des Residenz-Innenhofs unter einem sternenklaren Himmel: Das als "Andalusische Nacht" bezeichnete Event der Hoftmusiktage 2006 unter der Patenschaft der Landshuter Zeitung am Samstag war ein Fest für alle Sinne. Gleichzeitig war es eine Möglichkeit, gemeinsame spanisch-arabische Traditionen zu entdecken, die beinahe dem Vergessen anheim gefallen wären. Ein begeistertes Publikum ließ sich bis weit über Mitternacht hinaus bezaubern.

Um ehrlich zu sein: Die ersten Klänge der Gruppe Mudéjar waren für neuzeitlich geprägte mitteleuropäische Ohren stark gewöhnungsbedürftig Doch dies ist der besondere Reiz der diesjährigen Hofmusiktage: Entdeckungen machen in dem weitgehend unbekannten Terrain der alten Musik Spaniens mit dem Schwerpunkt Andalusien, wie der Vereinsvorsitzende, Alt-Oberbürgermeister Josef Deimer bei der Eröffnung gesagt hatte. Der gegenseitigen kulturellen Beeinflussung der friedlich auf der iberischen Halbinsel lebenden Gruppen islamischer, jüdischer und christlicher Herkunft liegt bis heute ein unvergleichlicher Reiz inne, den die Zuhörer begeistert aufnehmen. Schon die Art des Auftritts gab Hinweise auf eine andere Kultur: In Ruhe richteten sich die Musiker die Bühne ein, stimmten noch einmal die Instrumente, um ohne einen präzisen Anfang erkennen zu lassen, plötzlich in das Lied einzusteigen. Die starke Bühnenpräsenz der Leiterin und Sängerin von Mudéjar Begoña Olavide und das mit Hilfe der blitzsauberen Bühnentechnik von Fritz Wolfsteiner bis in die kleinsten Nuancen übertragene Spiel mit Psalterium, Laute, Flöte, Geige und diversen Trommeln zog das Publikum immer stärker in den Bann.
In diese Stimmung fügte sich der 1. Gang des Menüs als Fortsetzung der Entdeckungsreise mit dem Gaumen: Es gab andalusische Köstlichkeiten wie in Speck gerollte Datteln, karamelisierte Zwiebeln zwischen frischen Früchten, Serranoröllchen mit Frischkäse, eine Ziegenkäse-Lach-Kräuter-Creme oder Jakobsmuscheln mit Limones und Kalbfleisch. Beschwingt vom ersten Gläschen spanischen Weins erlebte man die Fortsetzung des Konzerts in der hereinbrechenden Nacht und verstand, warum Mudéjar bei Menschen mit einem Faible für Weltmusik einen so guten Ruf genießen.

Der schwere Hauptgang mit zweierlei Paella markierte den Wechsel auf der Bühne von den eher ruhigeren Klängen Mudéjars zu dem lebendigen Treiben von Juan Polvillo und seinem Flamenco-Ensemble aus Sevilla. Der mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete Flamenco-Lehrer verstand es in kürzester Zeit, vor allem den weiblichen Teil des Publikums hochgradig zu elektrisieren. In nur wenigen Minuten war der Funke übergesprungen. Begleitet wurde er von dem Sänger Manuel de Tañe und José Manuel auf der Gitarre. Letzterer versetzte mit seinem virtuosen Spiel selbst die Musiker im Publikum in großes Erstaunen. "Ich wollte unbedingt etwas Authentisches“, sagte der künstlerische Leiter der Hofmusiktage, Dr. Franzpeter Messmer, "keine deutsche Flamencogruppe und auch keine in Deutschland lebenden Spanier. Das Bemühen zahlte sich aus und die Vorstellung der Flamenco-Truppe wirkte musikalisch wie das Dessert, welches mit Creme Catalana, südländischen Früchten und Bienmesabe mit Vanilleeis in der Flamenco-Pause gereicht

Am Ende rundum Zufriedenheit: Es habe ihn diesmal nicht eine einzige Klage erreicht, sagte Verkehrsdirektor Kurt Weinzierl gestern. Das Vergnügen indes war nicht nur im Publikum groß. Die Residenz sei ein einzigartiger Ort um Musik zu machen, sagte Begoña Olavide noch, bevor sie mit ihren Musikern umjubelt die Bühne verließ.

Womit das Bemühen der Organisatoren, die alte Musik wie zu ihrer Entstehungszeit mit möglichst vielen Sinnen erfahrbar zu machen, trefflich erfüllt war.

Georg Soller

Kritik im Feuilleton der Landshuter Zeitung vom 18. 7. 2006:

Eine lange Andalusische Nacht
Lebendige Improvisationskunst und rhythmische Feuersbrünste

Es war einmal ein Land vor über tausend Jahren..." Was Franzpeter Messmer, künstlerischer Leiter der Hofmusiktage, von jenem Land erzählte, in welchem fast alle lesen und schreiben konnten, der Zugang zu den Bibliotheken frei war, Handel, Wissenschaft und die Künste blühten, klang wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Messmer meinte mit jenem Land Spanien, und er leitete mit diesem schönen Realo-Märchen den ersten Teil der Andalusischen Nacht im Innenhof der Landshuter Residenz ein, in dem das Ensemble "Mudédar" jenes damals Al Andaluz genannte Land musikalisch wiedererweckte. Die vier Instrumentalisten um die Sängerin und Zithervirtuosin Begoña Olavide stellten Musik der Mauren und Sefarden aus Al-Andaluz vor, wie sie heute noch in lebendiger Tradition in Marokko, wo Olavide ihre Studien betrieben hatte, und auf dem Balkan anzutreffen ist. Dorthin waren die aus Spanien vertriebenen spanischen Juden (Sefarden) und Mauren geflohen, haben in Vermischung mit der ansässigen Kultur ihre Traditionen weitergepflegt.

Die sefardischen Lieder sind oft lange Erzählungen, die auf dem typisch 16silbigen Romanzenvers basieren. Die arabischen Lieder werden entsprechend ihres Bewegungscharakters und ihrer Tonart nach genauen Regeln zu Liedfolgen zusammengefasst. Olavide sang diese Lieder ausdrucksstark und setzte dabei die vielen Klangschattierungen ihrer charaktervollen Stimme ein. Zwischen den Themen, den Strophen, bleibt in diesen Musizierformen viel Raum für Improvisation, den die Musiker von Mudéjar auf Nachbauten historischer Instrumente hinlänglich und virtuos ausschöpften. Und eben dies, dieser am Leben erhalten gebliebenen und faszinierenden Improvisationskunst beizuwohnen, war das große Erlebnis im ersten Teil des Programms.

Da aber auch die Liebe zu fremder Musik leichter über den Magen zu entfachen ist, hatte man das Konzert mit einem 3-Gänge-Menü mit andalusischen Köstlichkeiten garniert. Nach einem Gläschen Vino tinto, Tapas und Paella war man innerlich gewappnet für die fulminanten Flamencodarbietungen von Juan Polvillo und seinem Flamencoensemble. Flamenco ist im Gegensatz zur Hochkultur der klassischen sefardisch/ maurischen Musik ursprünglich eine Ausdrucksform der Zigeuner, die Mitte des 15. Jahrhunderts, als das Märchen von Al-Andaluz ausgeträumt war, nach Spanien kamen und am Rande der Gesellschaft lebten. Erst viel später wurde Flamenco en vogue.

Maschinengewehrsalvenartig schlugen die Tanzschritte Juan Polvillos zum unnachahmlich typischen Gesang Manuel de Tañes und dem unpreziös virtuosen Gitarrenspiel José Manuels auf der Bühne ein. Der stolze, ekstatische Tanz Polvillos und seiner beiden Tänzerinnen, vor allem aber sein wahnwitzig schnelles "Tremolo" mit zwei Beinen entfachten Begeisterungsstürme, und so endete eine lange Andalusische Nacht mit Bravorufen.

Eberhard Iro

Mudéjar in der Andalusischen Nacht: Film, bitte Bild anklicken
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Juan Polvillo und sein Flamenco-Ensemble in der Andalusischen Nacht: Film,
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