Landshuter Hofmusiktage 2006: Dokumentation
Konzert 4

Estampie, München
mit Gästen von: L’Ham de Foc, Valencia
AL ANDALUZ
Die blühenden Musikkulturen im mittelalterlichen Spanien – Begegnungen mit islamischer, sephardischer und christlicher Musik

Samstag, 15. Juli 2006, 11.00 Uhr
Rathausprunksaal

Konzertpatenschaft
FÖRDERKREIS DER LANDSHUTER HOFMUSIKTAGE

Estampie
Estampie wurde 1985 von Syrah (Sigrid Hausen), Michael Popp und Ernst Schwindl gegründet. Das Ensemble ist international anerkannt und spielte bei bedeutenden Festivals. Große Beachtung fanden Programme zu Hildegard von Bingens 900. Geburtstag und zur „Zeitenwende“ anlässlich der Milleniums-feierlichkeiten. 2004 betrat Estampie musikalisches Neuland mit dem Projekt „Marco Polo“: es musizierte mit Gastmusikern aus Indien, Persien und der Mongolei. Das in Landshut neu vorgestellte Programm „Al Andaluz“ mit spanischen Gastmusikern des Ensembles „L’Ham de Foc“ ist die Fortsetzung dieser Erkundung mittelalterlicher „Weltmusik“.

AL ANDALUZ
Das maurisch regierte Spanien war bekannt für Toleranz, Gelehrsamkeit, Wohlstand, Handel und blühendes Kunstschaffen. Araber, Juden und Christen lebten Jahrhunderte lang miteinander und beeinflussten sich gegenseitig. Estampie zeichnet diese Blütezeit nach und entführt ins ferne Reich des Mittelalters, zu den Pilgergesängen, Festmusiken, Improvisationen in den Gärten der Alhambra. Der Traum des friedlichen Miteinanders der Kulturen wird im gemeinsamen Musizieren der verschiedenen Musiktraditionen erlebbar. Das Programm wird verdichtet durch einfühlsame Licht- und Farbregie und auf die Musik abgestimmte Projektion.

Bericht im Feuilleton der Landshuter Zeitung vom 17. 7. 2006:

Demonstration friedlichen Miteinanders
Das Münchner Ensemble "Estampie" mit Musik der spanischen Christen,
Mauren und Juden

Man hatte vergessen, Angela Merkel einzuladen. Bestens zeitlich koordiniert mit dem Integrationsgipfel hätte die Kanzlerin im Landshuter Rathausprunksaal an einer überzeugenden, klingenden Demonstration dessen teilnehmen können, wie sich unterschiedliche Kulturen im friedlichen Nebeneinander gegenseitig befruchten können. Das Münchener Ensemble "Estampie" stellte, gemeinsam mit befreundeten Musikern aus Spanien und Marokko, Musik aus dem für blühendes Kulturschaffen, Wohlstand und Toleranz bekannten (notabene) maurisch regierten Spanien vor. Das hehre Anliegen der Gruppe ist es, in ihrer Vision von Toleranz "den Gedanken von Al Andaluz, dem Land des Lichts, für die Gegenwart lebendig werden zu lassen".

Auf eine Leinwand neben der Bühne wurden Bilder aus Al Andaluz geworfen, filigrane Miniaturen aus alten Musikhandschriften, Beispiele üppiger orientalischer Ornamentik und faszinierender arabischer Baukunst. Impressionen, die dem Hörer halfen, in die jeweiligen Klangwelten zu versinken. Die Bühne im Rathausprunksaal war von den Instrumentalisten der drei Formationen belegt, als würde zumindest ein Kammerorchester spielen: Da standen Drehleiern, Fideln, ein Portativ, Lang- und Kurzhalslauten, Rahmentrommeln, Flöten und eine arabische Zither bereit, um in unterschiedlichsten Kombinationen in Einsatz zu kommen.

Das Programm stellte Musik christlicher, sefardischer und araboandalusischer Tradition einander gegenüber. Die christlichen Lieder hatte "Estampie", den "Cantigas de Santa Maria" König Alfons dem Weisen und dem "Codex Las Huelgas" (13. Jahrhundert) entnommen. Die sefardische Musik, die der spanischen Juden, spielte das Duo "L'Ham de Foc", wie sie von den 1492 aus Spanien vertriebenen Juden im Balkan und Nordafrika weitergepflegt und entwickelt wurde. Auch die beiden marokkanischen Gastmusiker konnten auf eine lebendig gebliebene maurische Musiktradition zurückgreifen, wie sie heute noch in Nordafrika zu finden ist.

So verwandt doch die Musik bei dieser Matinee schien, so unterschiedlich klangen die Stimmen der drei Sängerinnen. Einmal die leicht abgedunkelte Stimme der innig, mit Mikrointervallen und Schleifern singenden Marokkanerin Iman Al Kandousi, dann Sigrid Hausen, deren Timbre und schnörkelloser Vortrag den Nerv mittelalterlicher Musik bestens traf, und schließlich Mara Aranda, die für ihren expressiven, durchaus suggestiven Gesang Bravorufe erhielt. Allein die Mikros nahmen den Stimmen etwas von ihrer Direktheit.

Auch wirkten die Musiker nicht immer so frei, wie man es sich bei Musik gelebter Tradition hätte vorstellen können, vielleicht weil der Rundfunk mitschnitt. Auf jeden Fall war diese Matinee ein Beispiel für die breite Ausrichtung der Hofmusiktage, deren Veranstalter wieder ein informatives Programmheft zusammengestellt hatte.


Eberhard Iro

Film (Qucktime): bitte Bild anklicken