Landshuter Hofmusiktage 2006: Dokumentation
Konzert 3

The Hilliard Ensemble, London
MYSTIK UND TRANSZENDENZ
6stimmige Messe von Cristóbal de Morales

Freitag, 14. Juli 2006, 20.00 Uhr
Dominikaner-Kirche

Konzertpatenschaft
SPARKASSE LANDSHUT


The Hilliard Ensemble
Das Hilliard Ensemble gilt heute als eines der weltweit besten Vokalensembles. Es konzertiert auf der ganzen Welt in renommierten Konzertsälen und bei den bedeutenden Festivals. Seine CDs erhielten zahlreiche Preise. Weit über den Kreis der Alten Musik hinaus wurde das Ensemble bekannt durch die Zusammenarbeit mit dem Saxoponisten Jan Garbarek und durch den Soundtrack des kanadischen Films „Lilies“.

MYSTIK UND TRANSZENDENZ
Für die spanische Kultur ist die Religion zentral. Dies gilt ebenso für die großen Kathedralen wie für die Musik. Der erste spanische Komponist von europäischer Bedeutung, Cristóbal de Morales, komponierte fast ausschließlich geistliche Musik. Zwar schrieb auch er im Stil der Niederländischen Vokalpolyphonie, der damals in ganz Europa galt. Aber seine Musik klingt in ihrer Strenge, ihrem Ernst und ihrer Intensität spanisch.

Besprechung des Konzerts im Feuilleton der Landshuter Zeitung vom 17. 7. 2006:

Musik mit spanischem Akzent

Das Hilliard Ensemble sang Morales' "Missa Mille Regretz"

España lautet das Thema der diesjährigen Hofmusiktage. Da hat natürlich jeder so seine klanglichen Klischees im Hinterkopf. Nun, da das Hilliard Ensemble bei seinem Konzert in der Dominikanerkirche die sechsstimmige "Missa Mille Regretz" des spanischen Kirchenkomponisten Cristobal de Morales in den Mittelpunkt gestellt hatte, ist die Frage interessant, ob es im Spanien der Renaissancezeit, nach immerhin 700 Jahren maurischer Herrschaft, überhaupt eine landestypische liturgische Musik gab. Die Frage ist mit dem berühmten Jein zu beantworten.

Nein, weil im 15./16. Jahrhundert Komponisten aus dem franko-flämischen Raum in allen europäischen Musikzentren der "globalisierten" Renaissancewelt vertreten waren, andererseits die wichtigsten Komponisten - so auch Morales - eine Zeit lang Mitglieder der päpstlichen Kapelle in Rom waren. Das führte zwangsläufig zu einer gewissen stilistischen Vereinheitlichung. Noch dazu wurde Morales zu seiner Messe durch die berühmte Chanson "Mille Regretz" des in Spanien hochgeschätzten Frankoflamen Josquin Desprez angeregt, die jener für Karl V., zugleich spanischer König, geschrieben haben soll, und die sich als Bearbeitung auch in spanischen Vihuela-Tabulaturen wiederfindet.

Ja, weil nach der Rückeroberung Spaniens durch die Christen der Katholizismus bei den Menschen besonders tief verwurzelt war. Und so hörte man durchaus einen gewissermaßen spanischen Akzent der Musik im Kyrie der Morales-Messe, jene Betonung des klanglich-mystischen, was unter anderem durch die Dichte der Stimmeneinsätze bedingt war. Das Hilliard Ensemble, alte Hasen in der Alten-Musik-Szene, mit einer souveränen Mischung aus sonorigem Klang und absoluter Trennschärfe, wusste routiniert die räumliche Wirkung dieser Musik, bei der die Themen durch die verschiedenen Stimmen wandern, auszuspielen.

Das zeigte sich im Gloria mit seinem fast tänzerisch beschwingten Eingangs-Soggetto und erreichte im Agnus dei seinen Höhepunkt, als die Themen durch feinste dynamische Nuancierungen geradezu im Chorraum zu rotierten begannen. Die Begriffe "Mystik" und "Transzendenz", die dem Konzert als Motto dienten, diese Ergriffenheit des Hörers vom Klang, der bis in den letzten Winkel der Kirche dringt, konnte das Ensemble am erfahrbarsten im Credo umsetzen.

Morales wurde um 1500 in Sevilla geboren. Er schrieb fast ausschließlich geistliche Musik. Zwischen die Sätze seiner Messe hatte das Hilliard Ensemble geistliche Motetten von ihm selbst sowie von anderen spanischen Komponisten jener Zeit eingeschoben. Als individuellstes Klanggebilde fiel mir dabei das "Sancta Mater" von Francisco Peñalosa auf, dem ersten bedeutenden spanischen Komponisten der Vokalpolyphonie. Ein Programm abgerundet wie der Klang de Ensembles.


Eberhard Iro